Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass ideale Paare nie streiten, sondern in einer Atmosphäre ewiger Harmonie und gegenseitiger Beschwichtigung leben.
Beobachtungen von Psychologen, insbesondere des berühmten Forschers John Gottman, widerlegen diese Theorie vollständig: Mehr als 60 Prozent der Konflikte in gesunden Familien haben keine endgültige Lösung und sind mit ewigen Charakterunterschieden verbunden, berichtet der Korrespondent von .
Das Geheimnis des Glücks liegt nicht in der Abwesenheit von Streitigkeiten, sondern in der Art und Weise, wie die Partner aus einem Konflikt hervorgehen und ob sie wissen, wie sie sich nach einem Sturm wieder zusammenraufen können. Gottman, der über Jahrzehnte hinweg Tausende von Paaren untersucht hat, hat gelernt, Scheidungen mit 90 %iger Genauigkeit vorherzusagen, indem er nur einige Minuten ihrer Unterhaltung analysierte.
Das Hauptmerkmal der Katastrophe – nicht lautes Geschrei und keine gewaltsame Klärung der Beziehungen, sondern Schweigen, Verachtung und ein steinernes Gesicht eines der Ehepartner. Das Einzige, was schlimmer ist als ein Streit, ist Gleichgültigkeit: Wenn die Partner nicht mehr versuchen, aufeinander zuzugehen, und eine Mauer aus kalter Höflichkeit errichten, hat das Schiff ihrer Beziehung ein fatales Leck.
Ein richtiger Streit ist immer ein Versuch, den anderen zu erreichen, nicht ihn zu zerstören. Er artet nicht in Beleidigungen aus („du immer“, „du nie“, „du bist genau wie deine Mutter“), sondern beschreibt Gefühle („ich bin wütend“, „ich bin verletzt“, „ich habe Angst“).
Das nennt man „Selbstgespräche“, und hinter diesem langweiligen psychologischen Begriff verbirgt sich eine große Liebe: Sie greifen nicht an, sondern öffnen Ihre Verletzlichkeit und vertrauen darauf, dass Ihr Partner sie nicht verletzt. Ein weiteres wichtiges Ritual, das glückliche Paare von unglücklichen unterscheidet, ist der „Versuch, sich wieder anzunähern“.
Wenn ein Partner während eines Streits einen Schritt zurücktritt: etwas Dummes sagt, einen Witz macht, die Hand ausstreckt oder einfach seinen Tonfall ändert. In diesem Moment steht der andere vor der Wahl, den Krieg fortzusetzen oder die Brücke des Waffenstillstands zu akzeptieren.
Jeder akzeptierte Versuch ist wie ein Ziegelstein im Fundament des Vertrauens; jeder abgelehnte Versuch ist wie ein Riss in ihm. Daher klingt die Antwort auf die Frage „wie viel streiten“ paradox: genau so lange, wie es braucht, um gehört zu werden.
Und gleichzeitig – keine Sekunde länger, als man braucht, um sich zu erinnern: Ihr seid keine Feinde. Ihr seid zwei Menschen, die nur in einer Kleinigkeit nicht übereinstimmen, aber in der Hauptsache übereinstimmen – in dem Wunsch, zusammen zu sein. Die Fähigkeit, sich zu streiten, ist in Wirklichkeit die Fähigkeit, die Unvollkommenheit des anderen und die eigene zu verzeihen.
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